Echo-Verleihung 2015 in Berlin: Gewinner und mehr…

7. April 2015

Zum 24. Mal fand am 26. März die Verleihung des Echo der Deutschen Phono-Akademie in Berlin statt.
Helene Fischer räumte als große Gewinnerin des Abends gleich vier Trophäen ab: in der Kategorie „Album des Jahres“ für „Farbenspiel“, das kürzlich mit 10xPlatin ausgezeichnet wurde, sodass es in Deutschland eines der erfolgreichsten Alben seit 1975 ist. Zusätzlich heimste die Ausnahmekünstlerin in der Kategorie „Hit des Jahres“ für „Atemlos durch die Nacht“ den begehrten Preis ein. In der Kategorie „Schlager“ wurde ihr der dritte Echo verliehen. Den vierten bekam sie in der Kategorie für „Musik-DVD“ für die Live-DVD ihrer „Farbenspiel“-Tournee. Die diesjährige Echo-Verleihung wird also nicht grundlos als „Helene Fischer-Festspiele“ betitelt.
Andreas Bourani musste sich zwar mit seinem zum WM-Hit gewordenen „Auf uns“ in der Kategorie „Hit des Jahres“ Helene Fischer geschlagen geben, bekam jedoch für den untrennbar mit dem Finale in Brasilien verbundenen Song den Preis in der Kategorie „Radio-Echo“ (sonst wären wohl alle Fußball- und Bourani-Fans maßlos enttäuscht gewesen).
Nana Mouskouri wurde für ihr Lebenswerk geehrt, das mittlerweile 6 Jahrzehnte an musikalischer Karriere umfasst. Ihr Laudator Til Brönner bezeichnete sie als „Weltbürgerin“ im wörtlichen Sinne und hob ihr Engagement als UNICEF-Botschafterin sowie ihren politischen Einsatz im EU-Parlament hervor (aus dem sie aber wegen zu großer „Verlogenheit“ dieser Institution wieder austrat). Sichtlich berührt betrat die Sängerin die Bühne und wurde dann von einer Videobotschaft ihres ehemaligen Produzenten Quincy Jones aus Los Angeles emotional vollends überrollt. Dieser beteuerte seine tiefe Verbundenheit und sparte nicht an „I love you“s. In liebenswert gebrochenem Deutsch versuchte die Mouskuori ihre Dankesrede zu halten, stieg aber dann doch auf Englisch um. Aus ihrer Rede sprach große Dankbarkeit und sympathische Bescheidenheit, sie widmete ihren Preis den Kindern der Welt und ihren Fans. Abgesehen vom Echo bekam die Künstlerin Standing Ovations, die wohl viel eher ausdrücken, welch große Ehrerbietung die Musik- und Medienwelt ihr entgegenbringt.
Unter den weiteren Preisträgern sind AC/DC für „Rock/Alternative international“ für ihr Album „Rock or Bust“ und Robin Schulz für „Prayer“ in der Kategorie „Dance national“. Alle weiteren Ehrungen können auf http://www.daserste.de/unterhaltung/musik/echo-2015/gewinner/index.html eingesehen werden.
Die Gala wurde zum dritten Mal von Barbara Schöneberger moderiert, die inspiriert und mit angenehmer Nüchternheit durch den Abend führte.
Wieder einmal ein Abend voller Emotionen, enttäuschter Erwartungen und Freudentränen. So ist eben das Leben, auch im Musikbusiness. Vielleicht gibt es bei der Verleihung im nächsten Jahr etwas mehr Abwechslung bezüglich der Kategorienverteilung der Preise…


Peter Gabriel wird 65

16. Februar 2015

Am 13. Februar vor 65 Jahren wurde Peter Gabriel in Chobham, Surrey Heath, geboren. Zur Freude von Generationen von Fans seiner experimentellen, leidenschaftlichen Musik.

In seinen Anfangsjahren hauptsächlich mit Genesis assoziiert, wo er von 1967 bis 1975 Leadsänger war, entwickelte sich Gabriel nach seinem Bandaustritt zu einem erfolgreichen und weltweit gefragten Solokünstler. Sein erster großer Hit, Solsbury Hill, in dem er die Trennung von Genesis verarbeitet, ist heute noch ein Ohrwurm, den man einfach kennt. Egal, ob man Peter Gabriel kennt, dieses Lied ist sozusagen Allgemeingut geworden. Diese Tatsache kann man durchaus als große Leistung anerkennen, weil sich darin ausdrückt, dass die jeweilige Musik FÜR SICH wirkt und keinen berühmten Namen braucht, um Menschen anzusprechen und in Erinnerung zu bleiben.
Um in musikalischer Erinnerung zu bleiben, tat Gabriel jedoch einiges. Er veröffentlichte von 1977 bis 2011 vierzehn Alben, darunter ein extra in deutscher Sprache aufgenommenes für den deutschen Markt (so etwas taten nicht viele Künstler, die letzten berühmten waren wohl die Beatles…). Er entwickelte sich dabei musikalisch stetig weiter und versuchte, experimentelle Elemente zu integrieren.Zum Beispiel „erfand“ er den Gated-Reverb-Schlagzeugsound für sein drittes Album: für dieses Muster wurden keinerlei Becken verwendet. Durch Phil Collins‘ Song „In the Air tonight“ wurde dieser Sound weltberühmt.
Peter Gabriel steuerte auch viele Soundtracks oder Soundtrack-Fragmente zu Film & Fernsehen bei. Beispielsweise schrieb er den Soundtrack für Martin Scorseses „Die letzte Versuchung Christi“, er komponierte den Song „Down to Earth“ für den Abspann von „Wall-E“, und –unvergessen von allen Fans der Serie „Scrubs“- den wunderschönen Lovesong „The book of love“.
Peter Gabriel hat außerdem ein musikalisches Steckenpferd, nämlich die Weltmusik. Immer wieder ließ er Musiker anderer Länder in seinen Shows auftreten und verhalf ihnen so zum Start einer Karriere, außerdem schuf er das WOMAD-Festival, das seit 1982 145mal in 22 verschiedenen Ländern stattfand und Musik, Tanz und Kunst verschiedenster Kulturen zusammenbringt.
Abgesehen von seiner musikalischen Tätigkeit engagierte sich Gabriel intensiv für Menschenrechte. Er unterstützte Amnesty International und Mitbegründer der Menschenrechtsorganisation Witness, die Kameras etc. für Aktivisten zur Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen auf der ganzen Welt spendet.

Peter Gabriel kann jetzt schon auf ein bewegtes, musikreiches Leben zurückblicken. Ebenso können sich seine Fans an zahlreiche Songs erinnern, die er zu ihrem Lebenssoundtrack beisteuerte. Was kann sich ein Künstler mehr wünschen, als dass sich seine Songs verselbständigen und Teil eines kollektiven Musikgedächtnisses verschiedener Generationen werden? Nicht viel. Vielleicht genügt es Gabriel. Wenn nicht, warten wir gespannt auf weitere Projekte…


Zum 80. Geburtstag von Elvis Presley

11. Januar 2015

Vergangenen Donnerstag, den 8. Januar 2015, wäre Elvis Presley 80 Jahre alt geworden. Was hätte er wohl in seiner Lebenszeit noch getan, wenn er nicht 1977 schon gestorben wäre? Hätte er noch mehr Preise, Auszeichnungen und Plätze in Halls of Fame bekommen? Bei manchen Künstlern hat man ja den Eindruck, sie hätten an ihrem Todeszeitpunkt ihren Zenit schon weit überschritten und würden, zumindest in professioneller Hinsicht, selbst in zusätzlichen Jahrzehnten Lebenszeit nichts mehr kreieren, was die Welt bewegt. Ebenso bei Elvis?

Nun, Elvis lebt, das ist unzweifelhaft. Doch ob er ohne seineElvisn frühen Tod so eine Legende geworden wäre? Eine Antwort auf diese Frage zu finden, ist schwierig. Denn schon zu Lebzeiten tat der „King of Rock’n’Roll“ so viel, was den gesellschaftlichen Wertewandel wiederspiegelte und antrieb, dass schon sein pures weiteres Existieren wohl gereicht hätte, um Moralisten, Rassisten und sonstige Kleingeister zum Schweigen zu bringen. Abgesehen von seiner musikalischen Leistung wirkte Elvis Presley durch seine Herkunft, seinen Lebenswandel und seine Einstellung zu anderen Menschen und gesellschaftlichen Tabus.
Er freundete sich zur Zeit der noch bestehenden Rassentrennung mit seinem schwarzen Nachbarsjungen an und lernte mit ihm die Gospelmusik kennen, die ihn lange Zeit faszinieren und einen wesentlichen Einfluss auf seine spätere Interpretation von Songs haben sollte. Er gilt als einer der ersten, der „schwarze“ und „weiße“ Musik verquickte und damit den Rockabilly-Sound begründete. Damit integrierte er, zumindest auf musikalischer Ebene, zwei Gesellschaftsgruppen, die in den USA bis heute auf verschiedenen Ebenen konkurrieren, oft zum Nachteil der afroamerikanischen Bevölkerungsgruppe.
Auf gewisse Weise verkörpert Elvis auch den „American Dream“, weil er aus einer recht einfachen, ärmlichen Familie stammte und zum bis heute erfolgreichsten Solokünstler der Welt wurde. Er wäre eigentlich ein Zwilling gewesen, sein Zwillingsbruder wurde allerdings tot geboren. So wuchs er als Einzelkind auf, war aber keineswegs „verhätschelt“. Vielleicht liegt es an seiner Herkunft und Familiengeschichte, dass Elvis, zumindest bis zu seinem Wehrdienst in Deutschland, trotz seiner Erfolge nicht überheblich geworden war. Seine Kameraden sahen in ihm einen bodenständigen und großzügigen Menschen, er wurde während seines Wehrdiensts mit viel Lob bedacht. Überhaupt war es eine kleine Sensation gewesen, dass Elvis sich herabließ, als einfacher Soldat zu dienen anstatt in der „Unterhaltungsabteilung“ der Armee. Eben durch und durch anständig…
Anständig war bestimmt nicht sein Image in der Musikszene der 50er Jahre. Die „singende Tolle“ mit den schwingenden Hüften wurde zwar von Teenagern verehrt und begehrt, von Moralaposteln der älteren Generation aber scharf verurteilt. Dies führte dazu, dass er teilweise nur von der Hüfte aufwärts gefilmt wurde, what a pity! Man kann diesem Auftreten natürlich ein gewisses Kalkül unterstellen, denn mit Konformität wurde noch selten eine Legende geboren. Dennoch gehört Mut dazu, sich den gängigen Idealen zu widersetzen und sich zu kleiden und aufzutreten, wie man es als passend und richtig für sich selbst und das, was man auszudrücken versucht, empfindet.

So stellt sich Elvis rückblickend nicht nur als musikalisch erfolgreicher Entertainer, sondern als vielseitiger Initiator von Veränderungen und Projektionsfläche von Idealen dar. Ein braver G.I. aus ärmlichen Verhältnissen, der seine Mutter verehrte und mit seinem Hüftschwung die Welt in Aufruhr versetzte: welch gelungener Mix! Selbst wenn er in den bis heute verbleibenden Jahren seit seinem Todesdatum nichts getan hätte außer täglich sein Lieblingsfrühstück (Erdnussbutter-Bananen-Sandwich) zu sich zu nehmen, er hätte bereits genug getan, um die Welt zu verändern.


Vielen Dank für die Lieder…

8. Januar 2015

…möchte man Udo Jürgens nachrufen, der am 21. Dezember im Alter von 80 Jahren an Herzversagen starb. Kaum jemand im deutschsprachigen Raum kam wohl umhin, zumindest eines seiner Lieder in seinen Lebenssoundtrack aufzunehmen. Sei es, weil die Großmutter oder Mutter das Lied liebten oder weil man selbst schon dazu im Bierzelt auf den Tischen getanzt hat. Wer hat nicht schon mit Jürgens’ Begleitung griechischen Wein getrunk
en, wilde Kirschen genascht oder sich einen teuflischen Schnaps hinter die Binde gekippt?

Udo Jürgens1Udo Jürgens wurde 1934 als Udo Jürgen Bockelmann in Kärnten geboren. Nach einer Kindheit und Jugend auf Schloss Ottmanach mit seinen beiden Brüdern John und Manfred besuchte er das Mozarteum in Salzburg und trat nebenbei schon mit ersten Liedern in Kneipen auf. 1950 gewann er mit “Je t’aime” den Komponistenwettbewerb des Österreichischen Rundfunks. In den folgenden Jahren schrieb er Songs für andere Künstler, unter anderem für Frank Sinatra und Shirley Bassey. 1965 feierte er einen ersten eigenen Erfolg mit dem Schlager “Siebzehn Jahr, blondes Haar”. Nachdem er 1964 zum ersten Mal am Grandprix Eurovision teilgenommen hatte, gewann er zwei Jahre später den Wettbewerb in Luxemburg für Österreich mit “Merci, Chérie”. Dieser Erfolg bedeutete für Udo Jürgens den internationalen Durchbruch, dem weltweite Tourneeauftritte folgten. “Griechischer Wein” (1975) war wohl Jürgens’ weltweit einflussreichster Hit. Er thematisierte in diesem Lied das Heimweh der griechischen Gastarbeiter in Deutschland und verlieh einer vermeintlich alltäglichen Erscheinung durch seine Musik eine ungeahnt emotionale Qualität. Ein Beweis dafür, wie sehr er mit diesem Lied ins Schwarze getroffen hatte, war eine Einladung des damaligen griechischen Ministerpräsidenten Konstantinos Karamanlis nach Athen. “Griechischer Wein” wurde ins Griechische übertragen und avancierte in Griechenland zum bekannten Volkslied. Im Laufe seiner Karriere komponierte der Ausnahmemusiker über 1000 Songs, veröffentlichte mehr als 50 Alben und verkaufte mehr als 100 Millionen Tonträger. Udo Jürgens2
Nicht aber die Masse an verkauften Alben oder veröffentlichter Songs macht die Besonderheit von Udo Jürgens aus, sondern viel eher die Tatsache, dass es nicht ruhig um ihn wurde. Gegen Ende seines Lebens wurde er vielleicht selbst etwas ruhig – wie etwa in seinem letzten Fernsehauftritt in der Helene Fischer-Show – , doch die Liebe zur Musik, zum Unterhalten, blieb erhalten. 2015 wollte Jürgens mit seinem neuen Album “Mitten im Leben” auf Tour gehen, nun wird der Name dieser Platte einen bitteren Beigeschmack haben. Dennoch: dass ein Künstler mit 80 Jahren noch seine nächste Tour plant, ist ein guter Hinweis darauf, dass er seinen Beruf liebt. Die Verehrung seiner Fans gibt Udo Jürgens Recht.

Eine Aufzählung seiner Erfolge wird Udo Jürgens nicht gerecht. Auch wenn es sich interessant liest, wie seine Karriere begann: was bleiben wird, sind die Emotionen, die Menschen mit Jürgens’ Liedern verbinden. Auch die Vielseitigkeit seiner Songs, seien sie nun gesellschaftskritisch (“Ein ehrenwertes Haus”), liebestrunken (“Es wird Nacht, Senorita”) oder einfach nur witzig (“Aber bitte mit Sahne”), die eine unglaubliche Bandbreite an Gefühlen aufspannt, wird in Erinnerung bleiben. Udo Jürgens war uns ein Tröster, Kritiker, Liebhaber, Spaßvogel, Verführer und Entdecker…und wahrscheinlich noch viel, viel mehr. Kurzum, er war ein Mensch, der es verstand, Musik für Menschen zu schreiben. Ein Unikat und Unterhaltungstalent, das im deutschsprachigen Raum seinesgleichen suchte und weiterhin suchen wird.
Udo Jürgens’ Tod hinterlässt eine große Lücke im Musikbusiness, und in den Herzen seiner Fans. Die Lieder aber bleiben. Sie bitten uns an einen mit Sahnetorten gedeckten Tisch in einem ehrenwerten Haus, füllen uns mit griechischem Wein und Teufelsschnaps ab, entführen uns nach Rhodos und Argentinien und lassen Senoritas, siebzehnjährige Blondinen, Chéries und Anuschkas schwach werden. Danke für dieses schillernde und differenzierte Universum an Musik, Udo Jürgens!


Musik in der Metropolregion Nürnberg: Paulus-Oratorium in St. Sebald am 16. November

11. November 2014

Für alle Freunde der Romantik und alle diejenigen, die sich musikalisch auf die erwartungsfrohe, musikalisch spannende Vorweihnachtszeit einstimmen wollen, gibt es am kommenden Sonntag, den 16. November, einen besonderen Leckerbissen: die Sebalder Kantorei (Nürnberg) führt zusammen mit der Neustädter Kantorei (Erlangen) unter der Leitung von Bernhard Buttmann Felix Mendelssohn-Bartholdys „Paulus“ auf. Los geht es um 19:30 Uhr, Karten können online erworben werden unter http://www.sebalduskirche.de/index.php?id=196 . Mehr Informationen sind auf der Homepage der Sebalder Kirchenmusik zu finden http://www.sebalduskirche.de/index.php?id=253.

Vergangenen Sonntag wurde schon die Neustädter Kirche in Erlangen von den gewaltigen Klängen des Oratoriums erfüllt, dort allerdings unter der Leitung von Ekkehard Wildt, der die Neustädter Kantorei leitet. Es ist nicht das erste Projekt, was die beiden Chöre zusammen auf die Beine gestellt haben. Zusammen mit dem Nürnberger Bachorchester und vier versierten Solisten (darunter Falko Hönisch als Paulus) stemmten die Chöre das zweieinhalb Stunden dauernde, von Mendelssohn Bartholdy in vier Jahren komponierte Meisterwerk. Innerhalb der zweieinhalb Stunden werden alle Nuancen zwischen zärtlicher Götterverehrung, hingebungsvollem Glauben bis hin zum wütenden Hass der hetzenden Meute („Steiniget ihn!“) von den Ausführenden durchlebt, was, zumindest vergangenen Sonntag, zu einminütiger Anspannungsstarre nach Verklingen des Schlussakkords geführt hat. Erst dann entspannte sich der Dirigent, legte den Dirigierstab nieder und entließ Chor, Orchester und Solisten in die Entspannung.

Neben dem „Elias“ ist das Paulus-Oratorium das einzige von Mendelssohn-Bartholdy vollendete Oratorium. Es gliedert sich in zwei Teile und erzählt die Wandlung des Apostels vom Saulus zum Paulus, bewirkt durch das Schlüsselerlebnis, der Begegnung mit Jesus Christus auf dem Weg nach Damaskus. Besonders hervorzuheben ist die eindrückliche, mit einem festlichen Bläsersatz unterlegte Bearbeitung des Chorals „Wachet auf, ruft uns die Stimme“, der es vermochte, noch in der x-ten Chorprobe ein Gänsehautfeeling hervorzurufen. Gänsehaut, das ist es, was man sich erwarten darf, wenn man auf Musik für gewöhnlich emotional reagiert. Das ist Musik, die bewegt!


Jeanne Carroll – Wild Women Don’t Have No Blues (180 g, rotes Vinyl)

9. Oktober 2014

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Hier kommt eine der faszinierendsten Blues-Neuerscheinungen 2014.
Bisher unveröffentlichte Studio-Aufnahmen der legendären Jazz- und Blues-Sängerin Jeanne Carroll. Jeanne Carrol
l wurde 1931 in Ruleville / Mississippi geboren und verstarb am 9. August 2011 in Aalst / Belgien, nachdem sie 2 Tage zuvor bei einem Live-Auftritt auf offener Bühne zusammengebrochen war.
Carroll arbeitete mit vielen namhaften Künstlern der Jazz- und Blues-Szene zusammen, wie z.B. mit Duke Ellington, Count Basie, Louisiana Red oder Lil Armstrong, der Frau von Louis Armstrong. 1969 veröffentlicht sie mit Little Brother Montgomery das Album „No Special Rider“. Es folgten LP-Einspielungen mit Blind John Davis, Willie Dixon und Franz Jackson. Mit letztgenanntem war sie viele Jahre auf Tournee und sang auch im Rahmen der Truppenbetreuung für US-Soldaten. Mit Wolfgang Bernreuther veröffentlichte sie 1993 ihre erste Solo- LP „My Style Is Different“ (Bellaphon/L+R Records). Diese Aufnahme ist mittlerweile eine stark gesucht Rarität.
Im Jahr 2000 spielte sie mit ihm ein weiteres Studio-Album ein, das bis dato unveröffentlicht geblieben ist. Jeanne wollte hier noch einmal ihre ganz persönlichen Lieblingslieder von anderen Künstlern aufnehmen. Das Titelstück“ Wild Women Dont Have No Blues“ trifft mit seinem Mid-Tempo-Groove auch gleich die Seele dieser faszinierenden Musik. Fritz Rau sagte einst: „Blues ist mein Soul-Food“. Und dieses Stück steht dafür wie kaum ein anderes.
Wunderschön und tiefgehend „St. James Infirmary“ oder „Cherry Red“. Tim Hickey aus Chicago verdeckt diese Songs mit seiner herrlich leichtjazzig gespielten halbakustischen Gibson-Gitarre. Rudi Bayer zupft einen fantastisch knochentrockenen Kontrabass, der einen enggeknüpften Rhythmusteppich webt. Wolfgang Bernreuther spielt durchgehend seine geliebte akustische Gitarre und lässt die Blue Notes nur so perlen. Man höre und genieße“Good Morning Blues“. Die Aufnahmen sind perfekt eingefangen, sehr luftig, sehr duftig und räumlich ausgewogen mit einem wunderbaren Drive. Jedes Instrument ist ortbar und Carroll Stimme schwebt gleichsam wie der Spirit einer längst vergangenenZeit im Raum. Der Sound-Zauberer Wolfgang Feder hat beim Remastering der analogen Bänder alle Register seines Könnens gezogen. Und das ist unüberhörbar. Dass diese Aufnahmen nun so frisch und ausgewogen erstmals vorliegen, ist eine kleine Sensation. Denn es gibt sie einfach nicht mehr, die authentischen alten schwarzen Blueser, sieht man von den noch lebenden Legenden B.B. King und Buddy Guy mal ab. So und jetzt kommt der Knaller. Das Album erscheint nur in Vinyl, nicht auf CD!!
Und aufgepasst: Es ist streng limitiert. 75 Stück auf 180 Gramm-schwerem, schwarzen Virgin Vinyl und 300 Stück auf 180 Gramm-schwerem transparenten, rotem Vinyl. Die Platten sind jeweils einzeln nummeriert und kommen in einer durchsichtigen Hülle. Natürlich in gewohnter und geschätzter Pressqualität von PALLAS. Und das von einer Künstlerin die 1972 von der Chicago Tribune zur „Singer of The Century“ gewähltwurde. Diese Ehrung hatte außer ihr nur noch Ella Fitzgerald. Also zugreifen. Die L’Oral sind sicher ruck zuck vergriffen und das nicht nur wegen der bevorstehenden Weihnachtszeit!!

Jeanne Carrol – Gesang
Wolfgang Bernreuther – Gitarre
Rudi Bayer – Bass
T. Hickey – Gitarre

Aufnahmen 2000.

Titel:

A – Seite
A 01 Gin House Blues 3:19
A 02 St. James Infirmary 5:55
A 03 Wild Woman Don`t Have No Blues 3:23
A 04 Cherry Road 3:29
A 05 How Long Blues 5:13

B – Seite
B 06 Good Morning Blues 6:32
B 07 Rock Me Baby 4:41
B 08 Backwater Blues 7:16
B 09 The Thrill is Gone 4:19


Malcolm Young verlässt AC/DC

8. Oktober 2014

Nachdem im Mai dieses Jahres schon Trennungsgerüchte über AC/DC wegen des gesundheitlich bedingten Rückzugs von Malcolm Young laut wurden, wurde im September bekannt gegeben, dass der Rhythmusgitarrist die Band endgültig verlassen werde. Grund dafür sei eine durch einen Schlaganfall verursachte Demenz, die Auswirkungen auf Youngs Kurzzeitgedächtnis habe und wegen der er nicht mehr Gitarre spielen könne.

Der 61-Jährige hatte die australische Hardrock-Band 1973 mit seinem Bruder Angus gegründet. Ihre ersten großen Erfolge hatte die Band mit Bon Scott als Sänger, der jedoch 1980 verstarb. Zusammen mit Malcolm Youngs einzigartig rauhen und gut getimten Powerchords und Angus Youngs virtuosen Gitarrensoli prägte Bon Scott mit seinen meist in Kopfstimme gesungenen Parts den Sound der Band. Nach seinem Tod übernahm Brian Johnson den Sängerpart; die Band konnte an ihre vorangegangenen Erfolge anknüpfen und brachte 1980 ihr bislang erfolgreichstes Album „Back in Black“ heraus. Bis heute brachte die Band insgesamt 18 Studioalben heraus, die vielfach ausgezeichnet wurden. 2003 wurden AC/DC sogar in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Im vergangenen Jahr feierte die Band ihr 40-jähriges Bestehen und kündigte im Februar 2014 neue Studioaufnahmen sowie eine Tournee an. Im Studio wurde Malcolm Young schon von seinem Neffen Stephie Young vertreten, der ihn schon 1990 bei der Tournee zu „Blow up your video“ ersetzt hatte, als er eine Alkoholentziehungskur machte. Wie AC/DC verlauten ließen, wird Stephie Young seinen Onkel auch in Zukunft ersetzen. Damit verbleibt Angus Young nun als einziges ursprüngliches Gründungsmitglied in der Band.

Da Stephie Young schon mit AC/DC auf Tour war und beim neuen Album ausgeholfen hat, kann man annehmen, dass er fähig ist, sich gut in den Sound einzufügen. Die Frage, ob er ein würdiger Ersatz für Malcolm Young sein kann, der in seinen vierzig Jahren in der Band das Timing seiner Riffs absolut perfektioniert hat, bleibt offen. In jedem Fall geht ein herzlicher Genesungs- bzw. Besserungswunsch an Malcolm Young, dem Begründer des unvergleichlichen Sounds von AC/DC!


Leonard Cohen wird 80

24. September 2014

„I heard there was a secret chord…” – einer der bekanntesten Liedanfänge der Popmusik. Ursprünglich komponiert wurde der Song vom kanadischen Singer-Songwriter, Dichter und Schriftsteller Leonard Cohen, der vergangenen Sonntag seinen 80. Geburtstag feierte. Wirklich erfolgreich wurde der Song allerdings erst durch die Interpretation durch andere Künstler wie Jeff Buckley oder John Cale. Dieses Schicksal ereilte einige von Cohens Songs, was der Großartigkeit seines bisherigen Werks aber keinen Abbruch tut.

1934 wurde er als Sohn einer jüdischen Familie in einem Vorort von Montreal geboren. Mit 9 Jahren verlor er seinen Vater. Seine Mutter war sehr musikalisch und mit 13 Jahren lernte Cohen Gitarre spielen, angeblich, um ein Mädchen zu beeindrucken. Bald hatte er erste kleinere Auftritte, konzentrierte sich mit Beginn seiner Studienzeit an der McGill University mehr auf das geschriebene als auf das gesungene Wort. Eigentlich strebte Leonard Cohen nämlich eine Schriftstellerkarriere an, die er 1956 mit dem Gedichtband „Let us compare mythologies“ begann. Zu dieser Zeit hatte er noch nicht einmal die Universität abgeschlossen. Nach ungefähr zehn Jahren, in denen er sich hauptsächlich auf die Schriftstellerei konzentriert hatte und dazu auch in Europa gelebt hatte, kehrte er 1967 mit 23 Jahren nach Amerika zurück und wechselte ins Musikbusiness. Im selben Jahr wurde er auf dem Newport Folk Festival von John Hammond, der für Columbia Records arbeitete, entdeckt. Kurz darauf brachte er sein erstes Album heraus. Viele weitere sollten. Seine Songs zeichneten sich durch eine melancholische, fast schon depressive Stimmung aus. Über die Jahre hinweg beschäftigte er sich in seinen Liedern, die wie Gedichte anmuten, mit verschiedenen Themen, darunter auch Religion und Politik. In den neunziger Jahren wandte sich Cohen ab vom Musikbusiness – überhaupt vom weltlichen Leben – und ging in ein buddhistisches Kloster nahe Los Angeles. Sein Name als Mönch dort war Jikan, was „der Stille“ bedeutet. Nach nur wenigen Jahren entschloss sich Cohen jedoch, die Stille zu verlassen und erneut Musik zu machen. Mit „Ten New Songs“ feierte er 2001 sein Comeback. In den Folgejahren arbeitete er viel mit seiner derzeitigen Freundin und ehemaligen Backgroundsängerin Anjani zusammen, für die er auch Texte schrieb. Leonard Cohen begab sich sogar noch zweimal auf Welttournee, und wurde, ganz zwischendurch, in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen. Außerdem erhielt er 2011 den Prinz-von-Asturien-Preis für seine Verdienste im Bereich der Geisteswissenschaften und Literatur.

Leonard Cohen hat durch seine Musik Generationen von Menschen beeinflusst, indem er ein Stück Liedkultur weitergab: Lieder, die erzählen. Genau wie sein viel gecovertes, doch nie mit so viel Inbrunst und gleichzeitig leisen Melancholie wie vom Meister selbst interpretiertes „Hallelujah“. Ein Lied, das vielleicht durch all die Covers und Amateurinterpretationen „abgenutzt“ scheinen mag, dessen schlichte und traurige Schönheit aber trotzdem immer wieder zu Tränen rührt, ob man es nun hört oder selbst singt. Wir ziehen unseren Hut vor Leonard Cohen, so wie er es auf der Bühne oft tut, und sagen „Danke“ für alles, was er uns in den bisherigen 80 Jahren schon mit auf den Weg gegeben hat.leonard_cohen


Zum Tod von Joe Sample

17. September 2014

JOE-SampleJoe Sample, Fusion-Jazz-Komponist und –pianist und Mitglied der erfolgreichen Formation „The Crusaders“, verstarb am vergangenen Freitag mit 75 Jahren in Houston (Texas). Auf der Facebookseite des Musikers wurden sowohl sein Tod als auch Termin und Ort der Trauerfeierlichkeiten mitgeteilt, beides stieß auf mitfühlendes und großes Echo.

Sample wurde 1939 in Houston geboren und erlernte schon als Kind das Klavierspiel. Er träumte recht bald von einem Dasein als Jazz-Pianist, begann jedoch ein klassisches Musikstudium. Nach dem Abbruch des Studiums begann er ambitionierter mit der Formation „The Jazz Crusaders“, die aus seinen Collegefreunden Wilton Felder, Wayne Henderson und Stix Hooper bestand, aufzutreten. Ihr erstes Album „Freedom Sound“ nahm die Band 1961 bei Pacific Jazz auf. Der Mix aus Jazz, Soul und Blues verkaufte sich erstaunlich gut, aber ein wirklich großes Publikum konnte die Band noch nicht erreichen. So änderten sie ihren Namen 1971 in “The Crusaders“, um jüngere Zuhörer nicht durch die Kategorie „Jazz“ abzuschrecken. Sie begannen, auch funkige Elemente in ihre Songs aufzunehmen, was ihnen zu größerer Beliebtheit vor allem bei jüngerem Publikum verhalf. Nachdem Wayne Henderson die Gruppe 1976 verlassen hatte, veränderte sich der musikalische Charakter hin zu ruhigeren Nummern, was von der Kritik als zu kuschelig bewertet wurde. Um einen Neuanfang zu machen, beschlossen „The Crusaders“, zukünftige Nummern mit Gesangseinlagen aufzupeppen und taten sich dafür mit bekannten Sängern zusammen. Der größte Erfolg dieser neuen Linie wurde das 1979 veröffentlichte, von Joe Sample mitkomponierte „Street Life“, das vom Gaststar und Newcomerin Randy Crawford interpretiert wurde. Nachdem 1983 auch noch der Drummer Stix Hooper die Formation verließ, kündigte sich langsam ein Ende des gemeinsamen Erfolgs an.

Seit den 80er Jahren arbeitete Joe Sample daher auch als Solokünstler, sein letztes Studioalbum veröffentlichte er im Jahr 2003. Er arbeitete mit vielen Musikern zusammen, unter anderem machte er Aufnahmen mit Nils Landgren, Donald Byrd, Miles Davis, Les McCann und Ella Fitzgerald. Doch Sample hatte nicht den vornehmlichen Drang, selbst im Rampenlicht zu stehen, er arbeitete auch als Studiopianist. So ist er auf Aufnahmen von beispielsweise Diana Ross, Ray Charles und Joni Mitchell zu hören.

Joe Sample wurde als offener, sich selbst treu bleibender Musiker beschrieben. Diese Eigenschaften sowie seine außerordentliche Vielseitigkeit (Bandmitglied, Solokünstler und Studiomusiker für andere Künstler) zeichnen ihn aus. Auch wenn eine soziale Plattform wie Facebook nur indirekt die Wirkung bestimmter Fakten und Menschen auf andere Menschen messen kann, lassen knapp 3500 Kommentare zur Todesnachricht von Joe Sample erahnen, welchen Einfluss er gehabt hat und welch große musikalische Lücke er hinterlassen wird.

 


Zwei einflussreiche und populäre Musiker sind an diesem Wochenende im Juli 2014 gestorben

14. Juli 2014

Zwei einflussreiche und populäre Musiker sind an diesem Wochenende im Juli 2014 gestorben – und auch wenn sie beide musikalisch aus denkbar äußerst unterschiedlichen Gefilden stammten, wird die Musikwelt doch mit beiden um ein ganzes Stück ärmer.

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Am 11. Juli starb Tommy Ramone mit 65 Jahren nach langem Kampf gegen den Krebs in seinem Haus in New York. Er war das letzte noch lebende Gründungsmitglied der legendären Punkband Ramones. Für viele gelten die Ramones als die Erfinder der Punkmusik überhaupt – und an ihrem speziellen Stil und Sound hatte Tommy Ramone wesentlichen Anteil.
Ursprünglich sollte er die Band allerdings nur managen. Dann aber gestand sich Dee Dee Ramone ein, dass er nicht gleichzeitig singen und Bass spielen konnte. Also wurde Drummer Joes Ramone kurzerhand neuer Lead-Sängerm, stellte aber bald fest, dass er wiederum nicht gleichzeitig singen und Schlagzeug spielen konnte. Ein neuer Drummer musste also her. Bandmanager Thomas Erdely – wie der gebürtige Ungar mit bürgerlichem Namen hieß – setzte sich beim Casting für einen neuen Schlagzeuger immer öfter kurz ans Drumset, um den Bewerbern zu demonstrieren, wie die Songs funktionierten – und schnell war klar, dass keiner das Schlagzeug besser zu traktieren wusste, als Erdely selbst. So wurde es Thomas Erdely Tommy Ramone, und sein harter, treibender und rasanter Rock-Beat wurde zum Inbegriff des Punksounds.
Nach nur vier Jahren und Hits wie „Blitzkrieg Bop“ oder „Sheena Is A Punkrocker“ verließ Tommy Ramone die Band wieder – sein geerdeter, regelhafter Lebenswandel passte einfach nicht zum überdrehten Lifestyle der anderen Bandmitglieder, „zu normal“ nannte ihn Dee Dee Ramone. Doch trotz vieler Differenzen blieb Tommy Ramone seinen Ex-Bandkollegen immer mit Respekt verbunden; noch 2007, nachdem die Band in die Rock’n’Roll Hall of Fame eingeführt worden war, sagte er über die anderen drei bereits verstorbenen Gründungsmitglieder: „Sie haben immer alles gegeben was sie geben konnten, bei jeder einzelnen Show. Sie waren keine Typen, die einfach nur Dienst nach Vorschrift gemacht hätten.“
So ein Typ war Ramone selbst auch nicht: auch nach seinem Ausstieg bei den Ramones blieb er kreativ und aktiv im Musikbusiness: als Produzent und Sound-Ingenieur brachte er zahlreiche Alben mit auf den Weg, unter anderem „Tim“ von den Replacements und „Neurotica“ von Redd Kross. Zuletzt versuchte Ramone sich im Bluegrass: „Traditioneller Country und Punk haben eine Menge gemeinsam,“, sagte er, „beide sind enorm geerdet, und beide sind eher handgemacht als einstudiert. Jeder kann sich ein Instrument schnappen und mitspielen.“ Tja, sicher ist, dass mit seinem enormen Einfluss auf den Punkrock Tommy Ramone schon ganze Generationen von jungen aufmüpfigen Musikern dazu gebracht hat, sich einfach ein Instrument zu schnappen und mitzuspielen. Und allein dafür kann man doch nur sagen: Hut ab und vielen Dank, Tommy!

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Am 13. Juli musste die Musikwelt nun Abschied nehmen von einem ihrer ganz Großen: Lorin Maazel, Dirigent und Komponist, starb im Alter von 84 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung. Man wird sich heute kaum noch daran erinnern, aber der Grandsigneur der klassischen Musik begann seine Karriere dereinst als Wunderkind: mit neun Jahren bei der New Yorker Weltausstellung stand der kleine Franko-Amerikaner in kurzen Hosen am Pult, mit einem Dirigentenstab, der fast länger war als der kleine Kerl. Die Kinderschuhe ließ Maazel aber in jeglicher Hinsicht bald hinter sich.

Doch zuerst machte er noch einen dieser kleinen Umwege, von denen die meisten großen Karrieren profitieren: statt aufs Dirigieren verlegte er sich aufs Geigenspiel. Nach vier Jahren Orchesterdienst in den zweiten Violinen beim Pittsburgh Symphony Orchestra verhinderte eine Erkrankung seine Teilnahme an einem Violinwettbewerb – und Maazel besann sich zurück zum Dirigentenpult.

Viele Musiker dankten ihm später diesen kleinen Ausflug in den Orchestergraben: Maazel galt, anders als viele Dirigentenkollegen, im Orchester als „einer von uns“, einer der aus Erfahrung wusste, was ein Musiker von seinem Dirigenten braucht. Sein Dirigat war stets ungeheuer präzise, transparent und eindeutig. Im Konzert verzichtete Maazel auf jeglichen Schnickschnack und jede Show, reduzierte seine Bewegung auf ein Minimum, stand oft lässig ans Geländer gelehnt, nur die nötigsten Zeichen gebend, und ließ dem Orchester freie Bahn. Dafür liebten ihn viele Musiker, und verziehen ihm auch seine enorme Strenge im Probenbetrieb und Detailversessenheit vor allem im Rhythmischen. Das Resultat: Maazels unverkennbarer, brillanter und farbenprächtiger Klang, den jedes Orchester unter ihm plötzlich wie von selbst entwickelte, dabei aber ungeheuer scharf geschnitten und exakt ausgeführt.

Die Liste der Orchester, die Maazel im Lauf seiner langen Karriere als Chefdirigent verpflichteten ist lang – Deutsche Oper Berlin, Cleveland Orchestra, Orchestre National de France, Wiener Staatoper, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks – und sie wurde immer länger: selbst mit über 80 Jahren wurde Maazel immer noch engagiert, zuletzt von den Münchner Philharmonikern. Er galt damit nicht nur als einer der ältesten aktiven Spitzendirigenten, sondern auch als einer der teuersten. Zu Recht.

Besonders in Erinnerung bleiben sollte der Maestro aber für sein selbstloses Engagement: mit „Classic Aid“ organisierte er auf eigene Faust ein Benefiz-Event mit klassischer Musik als Pendant zu Bob Geldofs Live Aid, und um sein Castleton Festival zur Förderung junger Künstler zu finanzieren, versteigerte er kurzerhand seine Guadagnini-Geige, die ihn seit seiner Kindheit begleitet hatte.

Lorin Maazel – einer der für die Musik lebte, aber eben auch für andere.