PALLAS-WERK IN DIEPHOLZ AUSGEBRANNT

25. April 2013

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„Die Erde ist eine Scheibe“- das ist der klangvolle Slogan der Pallas Group, die DVDs, CDs und Schallplatten herstellt und kürzlich einen herben Verlust hinnehmen musste: In der Nacht zum vergangenen Montag war die Produktionshalle für DVDs und CDs im niedersächsischen Diepholz durch einen Brand komplett zerstört worden. Von der 1500 Quadratmeter großen Halle stehen nur noch Mauerreste, jedoch konnte ein Übergreifen der haushohen Flammen auf die naheliegende Fertigungshalle für Vinylplatten verhindert werden. 200 Mitarbeiter der Feuerwehr waren an den Löscharbeiten beteiligt, 2 von ihnen wurden dabei verletzt. Die Brandursache war zunächst unklar, am Dienstag untersuchten Gutachter der Staatsanwaltschaft und der Versicherung den Brandort.

Bei Pallas in Diepholz sind rund 140 Mitarbeiter angestellt, die nun vorübergehend in der unversehrten Vinyl-Abteilung weiterbeschäftigt werden sollen.

Auf der Firmenhomepage bedankt sich Geschäftsführer Holger Neumann in einem Statement für das Mitgefühl und die vielen guten Wünsche nach dem Brand. Er kündigt außerdem an, dass die Fertigung nach dem schon geplanten Wiederaufbau der Halle bald wieder beginnen soll. Bis es soweit ist, arbeitet Pallas mit einem Kooperationspartner zusammen, sodass auch weiterhin Auslieferungen an Kunden möglich sind.


GIOVANNI ALLEVI IN PARMA

19. April 2013

Teatro Regio Parma

“Stiamo tornando nel Rinascimento italiano, dove l’artista deve essere un po’ filosofo, un po’ inventore, un po’ folle, deve uscire dalla torre d’avorio e avvicinarsi al sentire comune.”  (Wir kehren nun zur italienischen Renaissance zurück, als ein Künstler ein bisschen Philosoph, ein bisschen Erfinder, ein bisschen Spinner sein musste und sich aus seinem Elfenbeinturm hinaus hin zum allumfassenden Empfinden bewegen musste)(Giovanni Allevi)

Dieses Zitat beschreibt sehr gut die Einstellung des 44-jährigen italienischen Pianisten Giovanni Allevi zur Musik: Man muss sie mit allen Sinnen erfahren können und sein Empfinden für die Kunst erweitern, wenn man sich wirklich darauf einlassen möchte. Diese Einstellung konnten die Besucher  des Teatro Regio in Parma am vergangenen Dienstag beim Auftritt Allevis innerhalb seiner „Piano Solo“-Tour auf eine faszinierende Art und Weise kennenlernen.

Allevi, der sowohl ein Diplom in Klavier als auch eines in Komposition besitzt und zusätzlich einen Philosophie-Abschluss vorweisen kann, begann seine solistische Klavierkarriere im Musikkorps der italienischen Armee, wo er ab 1991 seinen Dienst ableistete. Nach seinem Militärdienst begann er selbst zu komponieren und besuchte Kurse in Bio-Musik und Musiktherapie bei Mario Corradini.

Giovanni Allevi

1997 veröffentlichte Giovanni Allevi sein erstes Album (13 Dita = 13 Finger) beim Label „Soleluna“ des italienischen Sängers Jovanotti. In den Folgejahren eröffnete Allevi auch einige Konzerte von Jovanotti mit Klavierstücken, was ihn bei einem breiteren Publikum bekannt machte. Inzwischen ist er in Italien ein regelrechter Popstar am Piano, der für sein natürliches und ungezwungenes Auftreten geliebt wird.

La musica non è fatta di note corrette, ma di passione, dedizione, intenzione travolgente.“ (Musik besteht nicht aus korrekten Noten, sondern aus Leidenschaft, Hingabe und überwältigendem Willen) – diese Herangehensweise hört man Giovanni Allevi an, denn er versucht, durch sein Spiel Zugang zu den Emotionen seiner Zuhörer zu bekommen. Davon konnte man sich auch bei seinem Konzert in Parma überzeugen. Allevis Spiel war sehr menschlich (anfangs etwas nervös) und gefühlvoll, er lotete die Gegensätze zwischen zartem Tastenstreicheln und furiosen, kraftvollen Passagen effektvoll aus. Zu jedem Stück machte er eine kurze Ansage, in der er die Bedeutung des Namens und die „Aussage“ erklärte. Oft spickte er seine Ansagen auch mit Zitaten von Philosophen oder fügte eine liebevolle Aufforderung hinzu („Bei diesem Stück dürft ihr euch küssen“ – beim Stück „Il bacio“ = der Kuss). So führte er das Publikum behutsam durch einen Abend voller verschiedenster Gefühlsnuancen und Situationen. Giovanni Allevi versteht es, durch Worte die Intensität des musikalischen Erlebens zu verstärken und seine Musik dadurch einem sehr breiten Publikum zugänglich zu machen. So kann man auch ohne jegliches musikalische Vorwissen in eines seiner Konzerte gehen und Musik als etwas Lebendiges und Überwältigendes erfahren. Und das Schönste an Allevis Spiel war nicht etwa die technische Perfektion oder die Ausgefeiltheit seiner Kompositionen, nein, es war seine Hingabe an sein Instrument, seine Leidenschaft, mit der er es schaffte, sehr viele Menschen (Das Teatro Regio hat 1200 Plätze…) gleichermaßen zu fesseln und zu berühren. Wenn es auch Kritiker gibt, die Allevis technisches Talent in Frage stellen, so kann man ihnen nur entgegnen: sein Talent, die soziale Funktion der Musik zu nutzen, nämlich Menschen auf friedliche Weise zusammenzubringen, wiegt tausendmal mehr.

Die Parmiggiani waren begeistert, was sich in 3 (!!!) Zugaben äußerte. Ein gelungener Abend, der den musikalischen Horizont erweiterte!


8. April 2013

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Impex Records ist in diesem Frühjahr der audiophile Hattrick gelungen. Gleich drei Platten des Labels fanden sich auf der Top-Ten-Liste der Jazz Reissues von “The Absolute Sound”. Die Top-Ten-Listen des von Robert Harley herausgegebenen amerikanischen Magazins gelten Freunden des audiophilen Musikgenusses auf der ganzen Welt als der Qualitätsmaßstab schlechthin, und angesichts der Fülle an Vinyl-Neuauflagen im Jazzbereich ist es wirklich eine beachtliche Leistung, in eine solche Top-Ten-Liste zu kommen – aber dann gleich mit drei Platten! Impex’ Reissue von “Time Further Out” des Dave Brubeck Quartetts belegt sogar Platz 1 der Liste, Miles Davis’ “Friday And Saturday Nights At The Blackhawk” und Duke Ellingtons “Indigos” finden sich auf Platz 7 und 8.

Und die Rezensionen von “The Absolute Sound” hören sich fast genau so gut an wie die Platten selbst: “Besser geht’s nicht”, heißt es über Kevin Grays Remastering von “Indigos”, von “bemerkenswerter Klarheit und einer ruhigen Pressung” ist die Rede bei “Friday And Saturday Nights”, und über “Time Further Out” sagt das Magazin schlicht: “Exzellent.”

Nachdem alle LPs bei Impex als Limitierte Editionen erscheinen, sollte man sich diese drei auf keinen Fall entgehen lassen – zumal man damit auch noch drei der größten Jazz-Musiker aller Zeiten kriegt, und drei Platten, die nicht nur klanglich sondern auch musikalisch auf ganzer Linie begeistern.


Bertelsmann kauft BMG zurück

19. März 2013

 

BMG official logo

Anfang März wurde bekannt, dass der Medienkonzern Bertelsmann mit Sitz in Gütersloh die momentan von KKR gehaltenen Anteile des einstmals komplett hauseigenen Musikverlag BMG zurückkaufen möchte. Laut Vorstandschef Thomas Rabe möchte Bertelsmann die Musik zurück in den Konzern holen, und das lässt sich Bertelsmann etwas kosten: laut dpa sei ein dreistelliger Millionenbetrag für den 51%-Anteil von BMG (Bertelsmann Music Group), dessen Gesamtwert auf ca. eine Milliarde Euro geschätzt wird, bezahlt worden. 

Bertelsmann beendet mit diesem Kauf ein langes Hin und Her nach dem Motto „Was lange währt, wird endlich gut“. Nach der Fusion der Musiksparte von Bertelsmann mit der Musiksparte des Sony Konzerns zu Sony BMG Music Enternainment im Jahr 2004 wurde BMG Music Publishing zwei Jahre später an Universal Music verkauft. Weitere zwei Jahre später, 2008, stieg Bertelsmann aus dem Joint Venture mit Sony aus, wobei BMG weiterhin existierte und nun als BMG Rights Management  für Bertelsmann eine neue Sparte repräsentierte. 51% von BMG Rights Management wurden seit 2009 von Kohlberg Kravis Roberts & Co. (KKR) gehalten, welche jetzt zurückgekauft wurden. So hält die Bertelsmann AG wieder sämtliche Anteile am mittlerweile viertgrößten Musikverlag weltweit, der laut einer Schätzung des Billboard Magazins jährlich 325 Millionen Dollar umsetzt. Nicht zuletzt deshalb muss der Rückkauf des Verlags noch von den Kartellbehörden geprüft werden. 

BMG Rights Management hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Musikrechte zu verwalten, vermarkten und zu verwerten und dabei ein besonderes Augenmerk auf das Wohlergehen und die Bedürfnisse der Künstler und Autoren zu haben. BMG versteht sich demnach als Dienstleister für Komponisten und Songwriter und vergibt beispielsweise Lizenzen für urheberrechtlich geschützte Melodien, damit diese nicht kostenlos in Werbespots oder als Klingeltöne genutzt werden können und die Künstler von sämtlicher Nutzung ihrer Werke „etwas haben“. BMG arbeitete zum Beispiel schon mit Nena oder Peter Fox zusammen.

Insgesamt scheint die Idee des Unternehmens in der Zeit von illegalen Downloads, gebrannten CDs und Youtube sehr lukrativ zu sein, umso mehr muss man den Rückkauf der Sparte durch Bertelsmann kritisch beäugen, denn dadurch liegt nun dieses gesamte Geschäft in den Händen eines ohnehin schon mächtigen Medienkonzerns.


Nachruf Larry Marks von Boxstar Records

1. März 2013

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Der Mitbegründer des Labels BoxStar Records, Larry Marks, ist tot. Er starb überraschend letzten Sonntag nachts.

2008 hatten Marks und sein Kollege David Fonn BoxStar Records gegründet. Seither hatte sich das Label schnell vom Geheimtipp zum Spitzenlabel für Freunde audiophiler Veröffentlichungen entwickelt. Vor allem die Reissues, die von Mastering-Legende Bernie Grundman überarbeitet werden, haben weltweit zahlreiche Fans.

Larry Marks Karriere im Musikgeschäft begann schon lange vor BoxStar: 1957 schrieb er den Song “Available” für Frank Sinatra, dessen Erfolg ihm zahlreiche Türen öffnete: sein Weg führte ihn über Columbia Records und A&M zu zahlreichen erfolgreichen von ihm produzierten Alben, wie etwa “The Gilded Palace Of Sin” von den “Flying Burrito Brothers”. Auch zahlreiche Filmkomponisten wie beispielsweise Alan Silvestri ließen sich von Marks’ Management-Firma vertreten. Und, ganz nebenbei, gehörte ihm auch noch die Acoustic Control Corporation, eine Firma für High-End-Verstärker für Musikinstrumente.

Larry Marks große Liebe aber war die audiophile Vinyl-Produktion. Nachdem sich sein Co-Chef David Fonn vor einiger Zeit aus gesundheitlichen Gründen aus dem Geschäft zurückgezogen hatte, steht BoxStar nach Mark’s Tod nun erst einmal da wie ein Schiff, das auf offener See den Kapitän verliert. Wir können nur hoffen, dass die Musikwelt nicht nach diesem großen Mann auch noch dieses großartige Label verlieren wird.


Yesterday, today or tomorrow?

2. Februar 2013

Crosley Retroplattenspieler

Schon oft wurde die Schallplatte totgesagt, aber offenbar hat sie sieben (oder noch mehr? Wer weiß das schon…) Leben.  Von 1984 bis 2001 sanken die Absatzzahlen in Deutschland von 71,1 auf 0,6 Millionen Stück, während die Audio-CD-Absatzzahlen sprunghaft anstiegen. Mittlerweile sind die Zahlen für die Audio-CD aufgrund neuer Formate (MP3) rückläufig, während die gute, alte Vinyl-Schallplatte wieder vermehrt verlangt wird.Dementsprechend besteht Nachfrage nach Plattenspielern. Während einige Anbieter rundum „futuristische“ Modelle anbieten, haben sich dagegen Hersteller wie Crosley aus den USA fast ausschließlich dem Retro-Design verschrieben. Unter dem Firmenslogan „Yesterday, today & tomorrow“ findet man auf der Homepage großteils Retromodelle, die teilweise mit hochmodernen Details wie USB-Anschlüssen versehen sind. Das Modell CR8005A wurde sogar auf der CES (Consumer Electronics Show), einer der weltweit größten Messen der Unterhaltungselektronik, die vom 8. bis 11. Januar in Las Vegas stattfand, vorgestellt. Die Tatsache, dass auf dieser Messe, die seit 1967 jährlich stattfindet, technische Revolutionen wie der Videorekorder, der Camcorder oder der CD-Player teils erstmals vorgestellt wurden, verleiht der Präsenz eines Retro-Plattenspielers dort eine ganz besondere Note. Crosley bewirbt oben genanntes Modell mit den Worten „Leg deinen iPod beiseite und mach deine Musik mit dem portablen Crosley Cruiser Plattenspieler mobil.“. Das stellt einen reizvollen Kontrast dar zu den von Journalisten gehypten „Highlights“ der CES wie flexiblen Smartphone-Displays, Technik zum pilotierten Einparken oder Neuerungen für Ultrabooks.

Wer also auf Retro steht und seine Musik mobil machen möchte, kann sich statt eines iPod nano (169 €) oder eines iPod shuffle (49 €) auch einen Crosley Cruiser mit integrierten Lautsprechernfür umgerechnet ca. 73 € zulegen. Wahlweise in den Farben schwarz, blau, grün, orange, pink und türkis. Nanu, das sind doch fast dieselben Farben, die Apple für seine Produkte anbietet…


Nachruf Claude Nobs

22. Januar 2013

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Eigentlich schade, dass man sich des Werts von Menschen oft erst bewusst wird, wenn sie gestorben sind. Leider gibt uns nun schon wieder der Tod Anlass, über jemanden nachzudenken.

Damit sich der Leser nicht fühlt, als ob er in der Zeitung die Rubrik „Todesanzeigen“ durchblättert, soll der Fokus hier nicht auf dem Tod, sondern auf dem überaus ertragreichen Leben und Wirken des Schweizer Kulturmanagers und Mitbegründers des „Montreux Jazz Festival“ Claude Nobs liegen. 1936 in Territet geboren, machte Nobs zunächst eine Ausbildung zum Koch, bevor er Anfang der 60er Jahre im Fremdenverkehrsbüro von Montreux zu arbeiten begann. Bald wurde sein Talent zur Kommunikation und Organisation offensichtlich, beispielsweise als er die Rolling Stones für ihr erstes Konzert außerhalb von Großbritannien 1964 nach Montreux holte. Auch Roberta Flack und Aretha Franklin traten ihren ersten Europabesuch auf Einladung von Nobs in Montreux am Genfer See an.

1967 veranstaltete Claude Nobs zum ersten Mal zusammen mit Géo Voumard und René Langel das „Montreux Jazz Festival“, das im Laufe der Jahre zu einer einzigartigen Plattform nicht nur für Jazz, sondern für Musik aller denk- und undenkbaren Genres werden sollte.

Eine weltweite Institution wurde dieses Festival nicht nur durch die Auftritte von Größen wie Ella Fitzgerald, Count Basie, Led Zeppelin oder Simon & Garfunkel, sondern auch durch die Tatsache, dass sich Musiker verschiedenster Stilrichtungen zu gemeinsamen Jamsessions auf die Bühne wagten. Bei diesen musikalischen Grenzgängen war meist Claude Nobs der „Anstifter“, da er mittels seines diplomatischen Geschicks und seiner außerordentlichen Gastfreundschaft in der Lage war, seine Künstler in so gute Stimmung zu versetzen, dass sie sich gern auf solche Wagnisse einließen. Bisweilen entstanden bei solchen Sessions auch neue Songs, wie zum Beispiel der Hit „Under Pressure“ von Queen und David Bowie.

Legendär ist auch Nobs‘ Mithilfe bei der Evakuierung des brennenden Casinos von Montreux 1971 vor einem Auftritt von Deep Purple im dortigen Festsaal. Die Band widmete diesem Ereignis später den Song „Smoke on the water“ und verhalf Claude Nobs mit der Erwähnung als „Funky Claude“ in einer Textzeile zu einem geläufigen Spitznamen.

Man kann also durchaus behaupten, dass Claude Nobs in den vielen Jahren seiner Leitung des „Montreux Jazz Festival“ nicht nur Raum für Kreativität geschaffen hat, sondern sich auch selbst künstlerisch-kreativ „verwerten“ ließ. Darüber hinaus ließ er es sich nicht nehmen, auch selbst kreativ zu werden, so begleitete er beispielsweise Deep Purple im Jahr 2006 auf der Mundharmonika bei einer Zugabe.

Kritiker werfen Nobs vor, er habe sein Festival zu sehr der Rock- und Popmusik geöffnet und sei dadurch vom ursprünglichen musikalischen Anspruch abgerückt. Diesen Vorwürfen kann man nur entgegensetzen: Claude Nobs war ein Mensch, der sein Leben der musikalischen Kreativität anderer gewidmet hat, der es möglich gemacht hat, dass sich Musiker aus verschiedenen Kontinenten und Genres trafen und gegenseitig inspirierten. Dass er sich dabei nicht von Schubladen und Kategorien, in die man Musik einordnen kann, irritieren ließ, ehrt ihn und lässt eine aufrichtige Unvoreingenommenheit erkennen, die man im Musikgeschäft nur allzu oft vermisst.

„Funky Claude“ Nobs starb am 10. Januar im Alter von 76 Jahren an den Folgen eines Skiunfalls.


Nachruf Ravi Shankar

12. Dezember 2012

Ravi Shankar

Nur wenige Tage nach Dave Brubeck müssen wir leider mit Ravi Shankar einen weiteren großen Musiker in den “Club of 92″ einreihen. Hätte man Ravi Shankar beispielsweise in den 50er Jahren prophezeit, dass er einmal der berühmteste Sitar-Spieler der Welt sein würde, oder dass es so etwas wie weltberühmte Sitarspieler überhaupt geben würde, dann hätte er sich erst einmal laut gelacht. Denn gelacht hat der sympathische Inder generell gerne und viel. Und nicht nur mit seiner humorvollen Art wurde Shankar so in den 60er Jahren zum ersten Botschafter dessen, was man heute mit dem abgegriffenen Wort “Weltmusik” bezeichnet. Shankar brachte traditionelle indische Musik, die er auf der hochkomplexen, 21(!)-saitigen Sitar vollendet spielte, in Kontakt mit westlicher Kultur. Mit dem klassischen Geigenvirtuosen Yehudi Menuhin machte er eine Reihe gemeinsamer Aufnahmen zwischen europäischer Klassik und indischer Folklore. Zum Weltstar und musikhistorischem Unikum aber wurde Shankar, als er Mitte der 60er Jahre George Harrison von den Beatles traf, und ihm das Sitar-Spielen beibrachte. Beatles-Hits wie beispielsweise “Norwegian Wood”, “Within You, Without You”, “The Inner Light”, “Tomorrow Never Knows” – ohne Sitar undenkbar.

Mit George Harrison verband Shankar eine lebenslange Freundschaft, und so spielte er auch auf Harrisons legendärem All-Star-Benefiz-Konzert “For Bangladesh”. Immer wieder ein Genuss ist der Beginn der Live-Aufnahme dieses Konzerts: atmosphärisch schwebende Sitarklänge, Arpeggios und Läufe, die sich metallisch-zauberisch aus Tausend-Und-Einer Nacht herabzusenken scheinen, um nach wenigen Minuten zu verstummen. Eine begeisterte Menge applaudiert. Dann Ravi Shankars dünne Stimme am Mikrofon: “Vielen Dank! Wenn es euch schon so sehr gefällt, wenn ich das Instrument nur stimme, dann hoffe ich, dass euch die Musik noch mehr gefallen wird!”.

Mit Humor und ohne Berührungsängste begegnete Shankar so immer wieder den Verständnisschwierigkeiten, die manch westlicher Hörer gegenüber der schwer zu fassenden indischen Musik mit ihren über 120 verschiedenen Tonarten hatte. Mit ihm hat die Welt einen großen Botschafter für die Musik als internationale Sprache verloren.

Übrigens: Ravi Shankars Tochter ist die berühmte Soul- und Jazzsängerin Norah Jones. Da lebt sicher etwas von Shankars Musik weiter, oder, um es mit den Worten von George Harrison zu sagen: “Don’t you realize, it’s all just in your mind, and life flows on – within you and without you.”


Berliner Meister-Schallplatten

10. Dezember 2012

Mit dem Label “Berliner Meister-Schallplatten” hat 2012 ein neuer Akteur die Bühne des Musikmarkts betreten, der Freunden der Vinyl-Kultur sicher noch viel Freude machen wird. In den eigenen Tonstudios der “Berliner Meisterschallplatten”, deren Name übrigens nichts mit der Stadt Berlin zu tun hat, sondern dem Erfinder der Schallplatte, Emil Berliner huldigt, spezialisiert man sich auf eine heute kaum noch praktizierte Aufnahmetechnik: den Direct-To-Disc-Schnitt. Ohne irgendeine Form von Zwischenspeicherung wird die Musik vom Mikrofon auf rein analogem Weg zur Lackfolie übertragen und geschnitten – die Musiker müssen eine komplette LP-Seite am Stück einspielen. Ohne Pause, ohne Fehler – denn geschnitten oder korrigiert kann im Nachhinein nichts werden. Was gespielt wird, ist auf der Lackfolie. Was auf der Lackfolie ist, kommt auf die Platte. Dieses Verfahren birgt nicht nur für die Musiker besondere Herausforderungen: auch die Tontechniker müssen jede kleine Einstellung der Aufnahmegeräte penibel planen und vorbereiten, denn auch am Klang der Aufnahme kann nachher nichts mehr geändert werden. Kurz: Direct-To-Disc ist nichts für schwache Nerven, und erst recht nichts für Amateure. Höchste Professionalität vor und hinter dem Mikrofon ist hier Pflicht. Die Lackfolie ist ein Konzertpublikum, das keine Fehler verzeiht. Aber dieser Anspruch für im besten Fall zu musikalischen Exzellenzleistungen, wie sie auf den bisherigen Veröffentlichungen der “Berliner Meister-Schallplatten” zu hören sind, und der Verzicht auf jedes verlustbehaftete Zwischenspeichern und Nachbearbeiten, und das Fehlen jeglichen digitalen Mediums führen zu einer ganz besonderen und auf die Vinyl-Schallplatte hin optimierten Klangqualität. Kein Wunder also, dass sich Musiker wie Hörer begeistert über dieses neue Label äußern.


Nachruf Dave Brubeck

6. Dezember 2012

 

Brubeck

Wieder einmal ein Nachruf. Leider. Aber dieses Mal wenigstens einer, der auf ein wirklich langes und erfülltes Leben zurückblicken kann: mit Dave Brubeck, der am 5. Dezember im Alter von 91 Jahren starb, verliert die Jazzwelt eine ihrer letzten lebenden Legenden.

Mit dem Dave Brubeck Quartet begeisterte der Pianist zusammen mit Altsaxofonist Paul Desmond in den 50er Jahren weltweit Fans quer durch alle Generationen, und ihr gemeinsam komponierter Hit “Take Five” dürfte wohl für alle Zeiten der bekannteste Jazz-Standard überhaupt sein.

Brubeck war als Pianist eine Ausnahme-Erscheinung: eine zeitweilige teilweise Lähmung der rechten Hand nach einem Bade-Unfall zwang ihn, seinen ganz eigenen, akkordlastigen und enorm rhythmischen Solo-Stil zu entwickeln, der bis zuletzt sein Markenzeichen blieb. Mit ungewöhnlichen Interpretationen von Klassikern, Verbindungen zwischer klassischer Musik und Jazz und nicht zuletzt mit gewitzten Experimenten wie dem gänzlich in assymmetrischen Takt-Arten gehaltenen Album “Time Out” verwehrte sich Brubeck nachdrücklich gegen jede Einordnung in allzu enge Kategorien, und wurde zum unermüdlichen Botschafter für den sich stetig neu erfindenden Jazz.

Mehr noch als der Musiker beeindruckt aber vielleicht der Mensch Dave Brubeck, der sich in den 50er Jahren als einer der ersten weißen Jazzmusiker um die Aufhebung der Rassentrennung bemühte. Allen konservativen Meinungsmachern zum Trotz sagte Brubeck konsequent Konzerte ab, wenn die Veranstalter den schwarzen Bassisten des Quartetts, Eugene Wright, nicht im gleichen Hotel wie den Rest der Band unterbringen wollten, und auch einen Fernsehauftritt brach Brubeck spontan ab, als er bemerkte, dass Wright nicht im Bild zu sehen sein sollte. Für so viel Zivil-Courage entgegen dem Zeitgeist der McCarthy-Ära gebührt Brubeck sicher genau so viel Anerkennung wie für seine Musik.

Und wen das alles noch nicht genug beeindruckt, dem sei nur ein kleiner Musik-Tipp ans Herz gelegt: Dave Brubecks Interpretation von “Georgia On My Mind” auf dem 1959er Album “Gone With The Wind”. Wer da nicht heulen muss, dem ist nicht mehr zu helfen.

Be good, Dave. And take five.